Bachs Kantatenwerk

2019 wird bei mir persönlich als das Jahr gelten, in dem ich begonnen habe, mich intensiver mit den gut 200 Kantaten von Johann Sebastian Bach zu beschäftigen.
Als begeisterter Chorsänger von geistlicher Kirchenmusik komme ich nicht an diesem genialen Komponisten vorbei. Barocke Kirchenmusik war und ist schon immer ein zentraler Bestandteil meines (zugegeben recht breiten) Musikgeschmacks. Ich will nicht verhehlen, dass ich zuweilen auch grosse Sympathien für Werke unbekannterer Barock-Komponisten hege: Jan Dismas Zelenka oder Johann Ludwig Bach, um nur zwei zu nennen.

Bachdenkmal Leipzig, Bild von Frank Walensky auf Pixabay, Public Domain-ähnlich
Bachdenkmal Leipzig, Bild von Frank Walensky auf Pixabay, Public Domain-ähnlich

Aber J. S. Bach ist und bleibt der Grösste seiner Zunft. Begonnen hat diese Vorliebe im elterlichen Haus, als ich die – recht überschaubare – Schallplattensammlung meiner Eltern entdeckte. Da gab es auch drei Platten mit den berühmten Brandenburger Konzerten. Ich hörte diese alten Archiv-Aufnahmen rauf und runter. Später dann im Gymnasium in der fünften Schulklasse wurde ich endgültig mit dem Bach-Virus infiziert. Gerade eben im Schulchor eingestiegen, hatte ich die Chance die komplette Matthäuspassion mitzusingen. Was für eine musikalische Offenbarung!!

Inzwischen, 40 Jahre später, habe ich die grossen Werke von Johann Sebastian Bach alle mitgesungen. H-Moll-Messe, Weihnachtsoratorium, Johannespassion und eben: die Matthäuspassion. Letztere erst vor wenigen Wochen mit der Aargauer Kantorei, dem Collegium Vocale Grossmünster und der Chapelle Ancienne unter der Leitung von Daniel Schmid. Auch die Motetten von Bach – es sind davon (je nach Auffassung) sechs oder sieben überliefert oder die lutherischen Messen – durfte ich alle schon mehrmals singen.
Was ich aber bislang noch sträflich wenig gesungen habe: Bachs Kantaten! Über 200 gibt es, etliche sind verschollen. Aber hier tut sich ein gewaltiger Fundus an wunderbarer Musik auf. Sie alle singen zu wollen, ist schlichtweg ein utopischer Wunsch. Aber anhören! Das hatte ich mir nun vor einiger Zeit vorgenommen!

Barocke Kantaten wurden gewöhnlich komponiert, um im Gottesdienst gespielt (und gehört) zu werden. Sie bilden sozusagen den musikalischen Zwilling zum gesprochenen Wort im Gottesdienst, den ergänzenden Teil zu Schriftlesung und Predigt. Gewöhnlich bestehen (Bach-)Kantaten aus einem Eingangschor-Satz, zuweilen auch nur einem Instrumentalstück (Sinfonia), dann folgen einige solistisch gestaltete Musikstücke (Arien, Rezitative). Abgeschlossen werden Kantaten gewöhnlich mit einem Choral. Die Textgrundlage von Kantaten passt (oder soll passen) zum entsprechenden Sonntag im Kirchenjahr.
Es gibt auch weltliche Kantaten, auch Bach schrieb solche. Anlässe mögen dafür alles mögliche sein: Geburtstage, Krönungen, Jubiläen. Oder eben ganz andere Themen: Bachs Kaffeekantate „Schweigt stille, plaudert nicht“ fällt aus diesem Rahmen. Weil sie ein Alltagsthema vertont und nicht zur Huldigung von irgendwelchen weltlichen und göttlichen Obrigkeiten dient.

Es dürfte klar sein, dass die vielen Kantaten von Bach oft mit heisser Feder geschrieben worden sind. Gebrauchsmusik sozusagen, die erstellt wurde, weil es der Arbeitsvertrag vorsieht. Ich gehe davon aus, dass Bach oft mit etlichen einschränkenden Rahmenbedingungen leben musste: Zeitdruck, vorhandene (oder fehlende) Musiker und Sänger, die Suche nach geeigneten Texten, usw…. Und immer wieder griff Bach ja auch in die Trickkiste und verwendete Musiksätze, die er bereits für andere Zwecke angefertigt hatte. Trotzdem verwundert es mich immer wieder, dass trotz all dieser Widrigkeiten ganz hervorragende Musiken entstanden sind, die es allemal wert sind, immer wieder gehört zu werden.

Nun also höre ich. Kantaten. Von Bach. Aber damit ist es ja noch nicht getan. Denn Bach ist nicht gleich Bach. Man kann ja nicht einfach mal ins 18. Jh zurückreisen und sich dort Bach selbst anhören. Also versuchen ernsthafte Kirchenmusiker, Bach so zu musizieren, wie es wohl mit grosser Wahrscheinlichkeit dazumal praktiziert worden ist. Mit historischen (oder entsprechend nachgebauten) Instrumenten, mit entsprechenden Besetzungen (4 Solisten? Kleines Sängerensemble? Kleiner Chor?), Tempi und Dynamiken. Hinter der historischen Aufführungspraxis steckt inzwischen eine eigene Wissenschaft. Und das all will natürlich gekoppelt sein mit dem Perfektionismus-Anspruch des heutigen Publikums, welches digital gemasterte und bis ins Detail ausgetüftelte Tonaufnahmen gewohnt ist. Und diese Qualität am liebsten auch live im Konzert erleben will. Ich nehme mich da ja auch nicht aus.
Zum Glück bietet das Internet inzwischen eine grosse Auswahl an verschiedensten Kantaten-Einspielungen. Hier eine (unverlinkte – sucht bitte selbst) Liste von Interpreten, die ich bevorzugt ansteuere, wenn ich nach Bach’schen Kantaten suche – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, auch die Reihung soll keinen Hinweis auf persönliche Vorlieben geben:

  • Ton Koopman mit dem Amsterdam Baroque Orchestra & Choir
  • Philippe Herreweghe mit dem Collegium Vocale Gent
  • Masaaki Suzuki mit dem Bach Collegium Japan
  • Rudolf Lutz mit dem Chor und Orchester der J. S. Bach-Stiftung St. Gallen
  • Sigiswald Kuijken und La Petite Bande, Belgien
  • Jos van Veldhoven / Shunske Sato mit der Nederlands Bachvereniging
  • Sir John Eliot Gardiner mit dem Monteverdi Choir und Orchestra

Es gibt auch etliche grosse und verdiente Musikernamen, die ich ehrlich gesagt nicht (mehr) berücksichtige, wenn ich Bach hören will: z.B. Carl Richter, Helmut Rilling, Nikolaus Harnoncourt oder Gustav Leonhardt. Bestimmt drehen sich gerade Harnoncourt und Leonhard jeweils in ihren Gräbern um, weil ich sie zusammen mit Carl Richter in einen Satz werfe. Aber die Aufnahmen dieser beiden Pioniere der historischen Aufführungspraxis wurden inzwischen – in meinen Ohren – abgelöst von den weiter oben aufgezählten Musik-Ensembles.

Ich bin immer noch am Überlegen, ob ich mir eine der Bach-Kantaten-Gesamtausgaben auf CD zulege, die es derzeit zu erwerben gibt (Koopman, Gardiner oder Suzuki), aber im Zeitalter von Youtube und der Streaming-Plattformen (Klassik-Tipp: Idagio) tendiere ich dazu, keine CD-Box zu kaufen. Für das Geld, das ich hierfür ausgebe, kann ich mehr als zwei Jahre eine Streaming-Plattform abonnieren.

Und singen? Ich schrieb ja weiter oben, das es für mich wohl unmöglich sein wird, ALLE Bach-Kantaten zu singen. Aber vereinzelt doch. Aktuell: BWV 68 „Also hat Gott die Welt geliebt“ im Auffahrts-Gottesdienst am Grossmünster am 30. Mai 2019 um 10 Uhr. Mit dem Collegium Vocale und Collegium Musicum des Grossmünsters Zürich. Ich freue mich!

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