Das Loch nach dem Konzert

Wohl jeder Mensch kennt das: Wenn man ein Projekt erfolgreich abgeschlossen hat, dann gibt es unmittelbar danach ein paar Tage, in denen man so richtig schön in ein nettes Loch fallen kann. Die Anspannung der letzten Tage ist vorbei, und Körper und Geist fordern nun Tribut. Bei Schwangerschaften/Geburten kennt man das postpartale Stimmungstief (Babyblues), bei Musikern ist es eben das berühmte „Loch nach dem Konzert“.

Nun, genau da bin ich schon gestern Abend hineingefallen, als ich heimkam. Deprimierend. Nur tröstend, dass dieser Zustand nicht lange anhalten wird. Das lehrt mich die Erfahrung.

Es waren zwei gute Konzerte.

Für beide Aufführungen meine ich behaupten dürfen, dass auch musikalisch gebildete und anspruchsvolle Zuhörer unser Dargebotenes zu schätzen wussten. Und dann auch mit gebührendem Applaus belohnt hatten. Das Publikum in Aarau wartete in ergriffener Stille noch etliche Sekunden nach dem Verklingen des Schlussakkords mit dem Klatschen. Im Grossmünster hingegen – so schien es mir – gab es ein paar sog. „Operngänger“, die schon Sekundenbruchteile nach dem Schlusston losklatschten und auch Beifallsbekundungen mit Rufen und Fussgetrampel anreicherten. Ich weiss nicht, was ich davon halten soll. Gewiss, Mendelssohns Musik hat so ihre Momente. Und natürlich endet der „Lobgesang“ mit einem furiosen und glänzenden Schlusschor. Aber ist echte Begeisterung? War unsere Darbietung wirklich so mitreissend?

Wie auch immer. Ich habe das Singen sehr genossen. Auch das Zuhören bei den Teilen, wo der Chor schweigt (Arien, Instrumentalstücke) war ein Genuss. Und natürlich auch der Applaus. Umso ernüchternder dann die Rückkehr zur Normalität. Das Erfreuliche ist aber, dass die Erinnerung meist nur die Glanzmomente behält. Und genau deswegen bereitet mir nicht nur das Musizieren an sich so viel Freude, sondern auch das Darbieten dieser Musik.

One thought on “Das Loch nach dem Konzert

  1. Mir ist dieses Loch nach der Aufführung des „Deutschen Requiems“ von Johannes Brahms in Brandenburg gut zwei Jahre nach dem Mauerfall widerfahren. So sehr ich diese Aufführung genossen habe, so sehr ich die Würdigung durch das damals anwesende Publikum zu schätzen wusste und jene auch wahr genommen hatte – da war jenes Loch. Für mich war es Resultat des Anspruches an mich selber, dass ich an jenem besonderen Abend nicht nur alles, sondern noch weit mehr geben musste, um das Werk von Brahms in dem Licht erscheinen lassen zu können, was jenem Werk ebenso meines Erachtens minimal gebührte. Ich bereue es nicht einmal im Ansatz, dass ich mich damals selbst dazu zwang, alles erdenkliche aus mir selbst heraus zu holen. Löcher können zuweilen auch sehr heilsam für die eigene Seele sein und meines Wissens nach gibt es kein einziges Loch welcher Art auch immer, vor dem man als Mensch irgendeine Form von Angst haben muss. Man kann sehr viel von vermeintlich abgrundtiefen Löchern lernen. Sehr viel.

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